Shell News 2009
Elektromobilität hat noch einen langen Weg vor sich
13/10/2009
Gastbeitrag von Shell CEO Peter Voser in der Financial Times Europe
Wir können nicht in die Zukunft sehen, aber man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass Mobilität ein Wachstumsmarkt ist und auch bleiben wird. Bis zum Jahr 2050 werden etwa eine Milliarde zusätzlicher Fahrzeuge auf den Strassen - vor allem in Asien unterwegs sein, wodurch sich die Gesamtzahl an Fahrzeugen von heute mehr als verdoppelt. Das bedeutet, dass es weiterhin einen hohen Bedarf an Fahrzeugen aller Art und Treibstoffen für deren Antrieb geben wird. Mehr Wettbewerb zwischen den verschiedenen Treibstoffen bedeutet, dass der Verbraucher eine grössere Auswahl hat.
Wenn Sie heute ein zehnjähriges Kind fragen, was sein erster Wagen sein wird, ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Antwort „ein Elektrofahrzeug“ lautet.
Es ist eigentlich gar nicht entscheidend, ob dieses erste Fahrzeug wirklich ein Elektrofahrzeug sein wird, denn bekanntlich führen viele Wege nach Rom. Viel wichtiger ist der zugrundeliegende Wunsch: ein Fahrzeug zu besitzen, das weniger Energie verbraucht, Geld spart und Fahrspass bietet. Und da die jungen Menschen von heute die Kunden von morgen sind, müssen die Unternehmen ihre Wünsche ernst nehmen.
Benzin und Diesel werden als Treibstoffe auch künftig sehr beliebt sein, da sie praktisch überall zu bekommen sind und durch laufende Optimierungen immer sauberer werden. Diese beiden Treibstoffe werden ausserdem zunehmend mit Biotreibstoffkomponenten verschnitten. Alternative Treibstoffe, seien dies Biotreibstoffe, Wasserstoff, Elektrizität oder Erdgas, werden eine immer wichtigere Rolle spielen.
Innerhalb dieser Bandbreite an alternativen Treibstoffen ist Elektromobilität ein Thema, das in aller Munde ist - was aber auch nicht weiter überrascht. Auch wir bei Shell glauben, dass es künftig immer mehr batteriebetriebene Fahrzeuge auf unseren Strassen geben wird, allerdings mit unterschiedlichen Antriebstechnologien.
Die meisten Verbraucher werden beim Autokauf weiterhin pragmatisch vorgehen und dabei Kosten und Komfort gegeneinander abwägen. Aus diesem Grund werden Hybridfahrzeuge gegenüber den reinen Elektrofahrzeugen wohl auf absehbare Zeit die Nase vorne behalten. Hybridfahrzeuge verbinden das emissionsarme Fahren mit Strom über kürzere Entfernungen mit den Vorteilen der Flüssigtreibstoffe, die für das Zurücklegen weiter Entfernungen und unkompliziertes Nachtanken stehen.
Reine Elektrofahrzeuge müssen tatsächlich noch einige technische Hürden überwinden, bevor sie mit Hybridfahrzeugen ernsthaft konkurrieren können: die Reichweite der Batterieladung muss grösser werden, es müssen Möglichkeiten für ein einfaches Aufladen oder Austauschen der Batterien geschaffen werden, und die Stromnetze müssen ausgebaut werden, um einen entsprechend grösseren Energiebedarf decken zu können.
Auch die Ressourcenknappheit könnte zu einem Problem werden. Ein Beispiel ist Lithium, das für Lithium-Ionen-Batterien, die vielversprechendste Batterie-Technologie für die Elektrofahrzeuge von morgen, benötigt wird. Bedeutende Lithiumvorkommen gibt es nur an wenigen Orten auf der Welt, und die derzeitigen Abbauverfahren belasten die Umwelt. Eine bedeutende Wende hin zu Elektrofahrzeugen würde es erforderlich machen, deutlich grössere Mengen an Lithium abzubauen und wieder aufzubereiten - und dies auf nachhaltige und verantwortungsbewusste Weise.
Der vielleicht wichtigste Punkt ist, wie wir die benötigte Elektrizität erzeugen. Wind- und Solarstrom alleine werden, zumindest in absehbarer Zeit, nicht ausreichen, um eine Elektromobilität in grossem Massstab zu ermöglichen. Ob es uns gefällt oder nicht, aber in den kommenden Jahren werden die meisten Elektrofahrzeuge mit Strom aus konventionellen Kohlekraftwerken, die für den Anstieg der weltweiten Treibhausgasemissionen primär verantwortlich sind, fahren. Das ist sicher nicht das, was den künftigen Käufern von Elektrofahrzeugen vorschwebt.
Wenn mit der Elektromobilität die Hoffnungen künftiger Autokäufer erfüllt werden sollen, müssen wir Wege finden, die CO2-Emissionen zu senken. Eine Möglichkeit ist die Bindung und unterirdische Einlagerung der CO2-Emissionen von Kraftwerken per CCS (Carbon Capture and Storage). Diese vielversprechende, aber auch teure Technik würde enormen Auftrieb erhalten, wenn sie auf der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009 ausdrückliche Unterstützung erfahren würde.
Eine weitere Möglichkeit, die Emissionen von Kohlekraftwerken zu senken, bestünde darin, die Kraftwerke auf Gas umzustellen. Ein Kraftwerk, das Erdgas verfeuert, stösst bei gleicher Stromerzeugung im Durchschnitt nur halb so viel CO2 aus wie ein Kohlekraftwerk. Ausserdem belastet es die Umwelt vor Ort deutlich weniger. Erdgaskraftwerke lassen sich mit relativ geringem Aufwand an- und abfahren, wodurch sie zur idealen Ergänzung zu diskontinuierlich erzeugtem Wind- und Solarstrom werden. Erdgas ist zwar nicht der Königsweg, doch unsere künftige Mobilität ist ohne Erdgas nur schwer vorstellbar.
All dies erklärt, warum Erdgas eine zunehmend wichtige Rolle in Shells Portfolio spielt. Im letzten Jahr haben wir genug Erdgas gefördert, um über 190 Millionen Haushalte mit Elektrizität zu versorgen. Bis 2012 wird Erdgas die Hälfte der gesamten Förderung von Shell ausmachen. Wir sind zwar nicht im Fahrzeugbau oder in der Batterieentwicklung tätig, doch für die weltweite Mobilität werden wir weiterhin eine sehr wichtige Rolle spielen.
Wenn in zehn Jahren das zehnjährige Kind zu einem jungen Erwachsenen geworden ist, wird er oder sie möglicherweise tatsächlich ein Hybridfahrzeug besitzen, das mit Flüssigtreibstoff und Strom fährt. Wenn wir heute die richtigen Entscheidungen treffen, wird der Strom, mit dem die Fahrzeuge von morgen fahren, aus saubereren Quellen kommen. Hierzu gehören auch Kraftwerke, die mehr Gas als Kohle verfeuern und das entstehende CO2 speichern. Und damit kommen wir den Wünschen unserer künftigen Kunden schon deutlich näher.

